Nachhaltigkeit – die Greener Fête de la Musique macht es vor

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Doch während viele lediglich darüber reden – oder auch bloggen – packen es einige tatsächlich an. Übrigens: Falls du dich fragst, wie’s mit meiner eigenen Nachhaltigkeit oder Engagement aussieht. Hier drei kurze Fakten, die du vielleicht noch nicht wusstest:

  • Seit Jahrzehnten ernähre ich mich vegetarisch.
  • Habe noch nie ein Auto besessen und fahre mit dem Rad oder ÖPNV zur Arbeit oder durch die Stadt.
  • Fliege seit mehr als 10 Jahren nicht mehr – weder beruflich noch privat.

Alle weiteren „Kleinigkeiten“ lass ich hier mal weg. Mir ist Nachhaltigkeit und Klimaschutz tatsächlich ein Anliegen. Eines, das in der Eventbranche meiner Meinung nach noch viel zu kurz kommt. Deshalb habe ich mit Begeisterung den Leitfaden der Fête de la Musique gelesen und eine der Initiatorinnen, Frau Dr. Birte Jung dazu befragt.

Nachhaltigkeit bei Fete de la Musique Berlin
Nachhaltigkeit bei der Fête de la Musique

Nachhaltigkeit ist ein riesiges Feld. Worauf konzentriert sich die Fête de la Musique zuerst?

Ich verstehe Nachhaltigkeit in erster Linie als einen mehrdimensionalen und ganzheitlichen Prozess. Für diesen müssen wir die ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Dimensionen zusammen denken. Eine Veranstaltung wie die Fête de la Musique ist nur dann zukunftsverträglich, wenn wir alle Veranstaltungsphasen betrachten. D.h. von der Vorbereitung, Durchführung bis hin zur Nachbereitung müssen wir darauf achten, dass sie zu keinen negativen Auswirkungen führt. Am besten sollte sie sich positiv auf ihr direktes und indirektes Umfeld auswirken.

Mit Greener Fête möchten wir zeigen, dass Nachhaltigkeit keineswegs nur Verzicht und Verbot bedeutet. Wir wollen beweisen, dass jeder einen Beitrag zu einem zukunftsfähigem Kultursektor leisten kann. Und wir wollen zeigen, dass wir die Aufgabe, gemeinsam bewältigen können.

Handlungsfelder identifizieren

Uns ist bewusst, dass diese Transformation nicht in allen Bereichen gleich gut funktioniert. Deshalb haben wir erste Handlungsfelder identifiziert, bei denen wir anfangen wollen:

  • Energie und Strom,
  • Mobilität,
  • Abfall und Ressourcen,
  • Catering und Beschaffung,
  • Wasser und Sanitär,
  • Fläche und Naturschutz,
  • Kommunikation und nachhaltige Bildung
  • sowie Soziales und Nachbarschaft.

Nicht jedes Handlungsfeld ist für jede Fête-Bühne gleich relevant. Zum Beispiel richtet sich das Handlungsfeld Fläche und Naturschutz vordergründig an Freiluft-Veranstaltungen auf Grün- und Freiflächen. Hier bei geht es darum, Schäden und Beeinträchtigungen an der Vegetation, an Böden, an Lebensräumen für Tiere zu vermeiden und Nutzungskonflikte mit anderen Freiraumnutzern oder Anwohner zu reduzieren.

Daten erheben

Ein weiterer wichtiger Schritt ist es, verschiedene Indikatoren zu den Handlungsfeldern zu entwickeln und Daten zu erheben. Zum Beispiel zum Energie- und Wasserverbrauch, zum Abfall- und Verkehrsaufkommen.

Wenn man einen Überblick über Zahlen hat, dann lassen sich Ziele setzen. Ganz nach dem Motto „what you measure you will manage“.

Ein Ziel für die Fête de la Musique aus unserem Green Deal ist beispielsweise die Reduzierung der jährlichen Primärenergie pro Akteur um 20 bis 25 Prozent in den nächsten fünf Jahren.

Damit wir dieses Ziel erreichen können, müssen wir konkrete Maßnahmen festhalten. Für das Thema Energie könnte das beispielsweise der Bezug von Ökostrom und der Einsatz energieeffizienter Leuchten sein. Wichtig ist es auch, Ziele und Maßnahmen mit Hilfe einer Datenanalyse jedes Jahr zu überprüfen und falls nötig anzupassen.

Green Deal – Nachhaltigkeit

 

Welche Maßnahmen wünschen sich die Teilnehmer bzw. welche akzeptieren diese vor allem?

Eine Veranstaltung wie die Fête de la Musique ist aufgrund ihrer dezentralen Struktur mit mehr als 100 unterschiedlichen Einzelorten eine besondere Herausforderung. Vor allem bei der Planung und Umsetzung eines strategischen Nachhaltigkeitsmanagements.

Zur Fête de la Musique gehören professionelle Bühnen ebenso wie durch passionierte Laien entwickelte und umgesetzte Veranstaltungsformate in Indoor-Venues bis hin zu temporären Veranstaltungsorten auf öffentlichen Freiflächen. Diese Gruppe der Bühnenbetreiber sind mit die wichtigsten Unterstützer auf dem Weg zur Greener Fête. Bei der Entwicklung von Vorschlägen zur Nachhaltigkeit der Fête de la Musique müssen wir diese Besonderheiten und Anforderungen der unterschiedlichen Bühnen berücksichtigen.

Im Allgemeinen akzeptieren Teilnehmer sowie alle weiteren Event-Akteure vor allem die Maßnahmen, die schnell und mit einfachen Mitteln umzusetzen und nicht zu kostenintensiv sind.

Mit Hilfe einiger Maßnahmen können auch Kosten verringert werden:

  • Druckkosten werden durch den Verzicht auf ein gedrucktes Programmheft eingespart.
  • Energiekosten lassen sich durch den Einsatz von energieeffizienter Veranstaltungstechnik oder Umstellung auf eine LED-Beleuchtung reduzieren.

Ein bedeutender Punkt ist es, den Sinn von Maßnahmen und Regeln allen Teilnehmenden einer Veranstaltung verständlich und vor allem rechtzeitig zu vermitteln. Dazu gehören auch Bühnenbetreiber, Musiker, Subunternehmer, Caterer, Besucher, Anwohner bis hin zu Sponsoren. Das erhöht den Umsetzungserfolg und schafft Akzeptanz.

Wo liegen die Grenzen von Nachhaltigkeit? Was machen Teilnehmer nicht mit?

Nehmen wir zum Beispiel das Thema Catering. Ein vegetarisches oder veganes Catering mit Lebensmitteln aus ökologischem und regionalen Anbau hat die geringsten Belastungen auf die Umwelt und das Klima. Auf einigen Veranstaltungen wird die Bratwurst als obligatorisch betrachtet. Bio-Lebensmittel sind dazu häufig im Einkauf teurer und erhöhte Kosten werden an Besucher weitergegeben. Im ungünstigsten Fall kommt das Essensangebot nicht bei den Besuchern an. Das führt bei den Händlern zu einem geringerem Umsatz. Möglicherweise werden auch Lebensmittel nach der Veranstaltung weggeworfen.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Nachhaltigkeit nicht von heute auf morgen erfolgen kann und Veranstalter besser eine stufenweise Umstellung vornehmen sollten.

Wenn ein geringes Budget gegen Nachhaltigkeit bei Veranstaltungen spricht, können auch finanzielle Unterstützungen bei der Umsetzung helfen. Die Stadt Wien fördert zum Beispiel den Einsatz von Mehrwegbechern und hat eine Verleih-Infrastruktur mit aufgebaut.

Welche der Handlungsfelder bringen den größten Einsparungs- bzw. Nachhaltigkeitsgewinn?

In der Tat sind nicht alle Bereiche gleichbedeutend, wenn es um den größten Effekt mit Blick auf die Nachhaltigkeit geht.

Nachhaltigkeit und Energiebedarf

Beim Handlungsfeld Energie liegt ein großes CO2-Einsparungspotenzial.

Ton- und Lichtanlagen brauchen genauso Strom wie Kühlschränke oder Livestreams. Energieproduktion aus fossilen Brennstoffen verursacht viele Treibhausgasemissionen.

Daher sollten Veranstalter entweder Energie aus erneuerbaren Quellen nutzen oder den Energieverbrauch auf das Nötigste beschränken. Der Wechsel zu einem zertifizierten Ökostromanbieter ist insbesondere für Indoor-Locations einfach und gar nicht viel teurer. Auch im öffentlichen Raum können Veranstalter temporär zu Ökostrom wechseln.

Den Energiebedarf kann außerdem stark reduzieren, wer energieeffiziente Technik verwendet.

Nachhaltigkeit dank grünem Strom

Nachhaltigkeit und Mobilität

Ein weiteres wichtiges Einsparungspotenzial sehe ich beim Thema Mobilität.

Die An- und Abreise von Besuchern und Musikern machen häufig einen Großteil der Emissionen einer Veranstaltung aus. Bei der Fête de la Musique in Berlin haben wir den großen Vorteil, dass die Bühnen in der Regel gut ans ÖPNV Netz angebunden und zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen sind.

Wir haben dazu in Berlin und Umgebung sehr viele tolle Musiker, die auf den Fête Bühnen und im öffentlichen Raum spielen. So können wir einerseits viele Treibhausgasemissionen einsparen, die entstehen würden, wenn Künstler mehrere hunderte Kilometer entfernt mit dem Flugzeug anreisen. Andererseits fördern wir so lokale oder regionale Kunst- und Kulturschaffende.

Außerdem gibt es in Berlin eine gute und teilweise durch die Stadt geförderte Lastenrad-Infrastruktur. Warum also nicht als Künstler mit dem Lastenrad zu einem Auftritt anreisen lassen anstatt mit dem PKW?

Green Mobility | Nachhaltigkeit bei Events
Green Mobility ist deutlich mehr als E-Autos

 

Nachhaltigkeit, Catering und Einkauf

Auch bei den Themen Catering und Beschaffung liegen wichtige Stellschrauben.

Wenn wir mehr in Kreisläufen denken, können wir viele Ressourcen und gleichzeitig CO2-Emissionen einsparen.

Wichtige Fragen sind: Welche Produkte und Materialien benötigen wir überhaupt? Müssen wir diese neu kaufen oder können wir diese auch ausleihen? Wie und unter welchen Bedingungen wurden die Materialien oder Produkte produziert? Was passiert damit nach einer Veranstaltung? Können diese weiter verwendet oder weitergeben werden?

Darüber hinaus sind verschiedene Labels und Zertifikate gute Anhaltspunkte, mit denen Eventplaner nachhaltige Produkte, Dienstleistungen und Lebensmittel identifizieren können.

Nachhaltigkeit und Kommunikation

Nichtzuletzt spielt das Handlungsfeld Kommunikation eine entscheidende Rolle für eine nachhaltige Veranstaltung, auch wenn es keine direkten Einsparungspotenziale bringt.

Denn für eine erfolgreiche Umsetzung einer zukunftsfähigen Veranstaltung brauchen wir die Bereitschaft und Unterstützung vieler Akteure. Dabei geht es uns weniger um den erhobenen Zeigefinger, sondern mehr um das gemeinsame Forschen am Möglichen. So können wir auch andere Veranstaltungen und weitere Stakeholder dazu motivieren, sich für Nachhaltigkeit und Klimaschutz einzusetzen.

Warum ist Nachhaltigkeit der Fête de la Musique so wichtig?

Berlin hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 zu einer klimaneutralen Stadt zu werden und reagiert so auf die Herausforderungen des globalen Klimawandels. Das Bundesverfassungsgericht ist in diesem Jahr zum Entschluss gekommen, dass die nationalen Klimaziele nicht ausreichen und nachgeschärft werden müssen. Deutschland muss nun bis 2045 klimaneutral werden. 65 Prozent der Emissionen müssen wir gegenüber 1990 bis 2030 einsparen. Um die Erwärmung unseres Planeten im Rahmen des globalen 1,5 Grad Ziels halten zu können, müssen alle ihren Beitrag leisten.

Mit Greener Fête de la Musique wollen wir die Stahlkraft des kulturellen Sektors nutzen. Wir übernehmen eine Pilotfunktion und möchten Vorbild für zukunftsfähige Veranstaltungen sein. Wir haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt bis 2030 klimaneutral zu werden. Zur Auftaktveranstaltung der diesjährigen Fete wurde durch uns und weiteren Akteure ein Green Deal unterzeichnet. Dieser soll den Grundstein dafür legen, die Fête in den nächsten Jahren nachhaltiger und klimaverträglicher zu gestalten.

Nachhaltigkeit und Klimaschutz: 1,5 Grad Ziel

 

Ist es denkbar, dass die Politik Events mittelfristig verbietet, die nicht nachhaltig genug sind?

Dass sich auch die Veranstaltungsbranche der Nachhaltigkeit nicht entziehen kann, können wir unter anderem am Urteil des Bundesverfassungsgerichts sowie an der Klimaklage gegen das Mineralöl- und Erdgasunternehmen Shell erkennen. Letzteres wurde verpflichtet, seine CO2-Emissionen bis 2030 deutlich zu verringern.

Das heißt, Klimaschädliche Veranstaltungen werden auf Dauer nicht mehr möglich sein.

Ich kann mir vorstellen, dass gesetzliche Regelungen in den nächsten Jahren verschärft oder neue hinzukommen werden. Beispielsweise wie das im Juli in Kraft getretene Einwegplastikverbot. Für die Durchführung von Veranstaltungen auf öffentlichen Flächen wird im Rahmen des Genehmigungsverfahrens in einigen Berliner Bezirken seit mehreren Jahren ein Mehrweggebot vorgeschrieben. Auch wird aktuell überlegt, in wiefern weitere Klima- und Umweltschutz-Auflagen für Veranstaltende verpflichtet gemacht werden können. Außerdem kann mir vorstellen, dass zunehmend nur noch solche Veranstaltungen öffentlich gefördert werden, die ein Nachhaltigkeits- und Klimaschutzkonzept vorlegen und glaubhaft darstellen, wie sie Emissionen einsparen und sich positiv auf ihre Umgebung auswirken.

Übrigens: Der Kongressfond Berlin fördert dein Präsenz- oder Hybridevent mit weiteren 25 Euro pro Teilnehmer, wenn du die Nachhaltigkeitskriterien erfüllst. Mehr darüber erfährst du im Blogbeitrag Kongressfonds Berlin – Förderung für B2B-Events in Berlin.

Tipps für andere Veranstalter

Es ist wichtig erst einmal anzufangen. Veranstaltende sollten sich darüber bewusst werden, zu welchen Auswirkungen ihre Veranstaltung führt und wo die größten Konfliktbereiche liegen.

Ein weiterer bedeutender Schritt ist es, vorhandene Daten wie zum Energieverbrauch, Abfallaufkommen etc. zu analysieren. Als nächstes kann sich das Veranstaltungsteam ein Leitbild und konkrete Ziele setzen sowie für diese einzelne Maßnahmen und Erfolgsindikatoren definieren.

Daten in den relevanten Handlungsfeldern helfen, die Wirksamkeit von Nachhaltigkeits- und Klimaschutzmaßnahmen einzuschätzen und wenn nötig Strategien zu modifizieren. Wieviel Strom und Wasser wurden verbraucht, wieviel Müll wurde produziert? Was ist das Reduktionsziel in den nächsten drei, fünf oder zehn Jahren? Oder wie sind die Besucher zur Veranstaltung angereist?

Es hilft auch, sich Unterstützung zu holen, zum Beispiel bei den vielen Initiativen und Netzwerken wie der Green Music Initiative. Die vielen Leitfäden zu einer nachhaltigen Veranstaltungsdurchführung geben außerdem wertvolle Tipps. Zum Beispiel unsere Greener Fête Handreichung mit vielen Handlungsempfehlungen und Best Practices. Und dabei die Freude nicht vergessen: Klimaschutz und Spaß müssen keine Gegensätze auf Veranstaltungen sein.

Über die Interviewpartnerin Dr. Birte Jung

Dr. Birte Jung
Dr. Birte Jung

Frau Dr. Birte Jung ist

  • Freiberuflich tätig im Bereich Nachhaltigkeitsberatung/Stadtforschung mit Schwerpunkt Veranstaltungen im öffentlichen Raum
  • Nachhaltigkeitsberatin für die Fête de la Musique gemeinsam mit Jacob Bilabel, Green Music Initiative, Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien
  • Verfasserin und Unterzeichnerin des Green Deals für die Fête de la Musique
  • Forschung und Promotion zu einer nachhaltigen Nutzung öffentlicher Freiräume als Veranstaltungsorte, Entwicklung eines kriterienbasierten Bewertungsverfahrens und von Handlungsempfehlungen für Veranstalter:innen, Freiraumplaner:innen und Verwaltung
  • Mitautorin des Handlungsleitfadens Klimaneutrale Veranstaltungen in Berlin, SenUVK, Grüne Liga Berlin
  • über ihre Website eventisierungsdruck.de erreichbar

Wertvolle weitere Links

 

PS: Wusstest du, dass das Trinkwasser in Deutschland bald knapp wird. Gerade die neuen Bundesländer haben in den letzten 3 Sommern schon einen Vorgeschmack darauf erhalten. Genau deshalb ist vegetarisches oder veganes Catering so wichtig. Mehr darüber erfährst du im Artikel Wie viel Wasser steckt im Burger?

Wasserverbrauch | Fussabdruck | Zeit
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