Remote Live Interpreting – So findest du Dolmetscher

Mit welchen Tools und Services du auf einem Online-Event mehrsprachige Events umsetzen kannst, habe ich dir bereits im Blogbeitrag “Live Dolmetschen bei Online-Events – mit diesen Anbietern“ vorgestellt. Allerdings ist das nur ein wichtiger Teil einer gelungenen Live-Übertragung in eine oder mehrere Sprachen. Worauf es beim Remote Live Interpreting ebenfalls, wenn nicht sogar noch mehr ankommt, sind die richtigen Dolmetscher bzw. das Dolmetscherteam. Doch wie findest du die? Und sind remote Dolmetscher am Ende des Tages wirklich günstiger? Genau das stelle ich dir in diesem Interview mit Karin Walker, ausgebildete Konferenzdolmetscherin und beratende Dolmetscherin, vor.

remote Live Interpreting
remote Live Interpreting

Worauf kommt es denn an, wenn ich eine Technologie fürs remote Live Interpreting suche?

Eines vorneweg: Remote Live Interpreting heißt, dass du als Veranstalter auf deinen Online-Events die Dolmetscher nicht mehr vor Ort hast. Dass das technisch möglich ist, ist eine super Sache – vor allem in diesen Zeiten.

Allerdings gibt es ziemlich große Qualitätsunterschiede zwischen den Anbietern für die Dolmetsch-Services. Manche IT-Lösungen erscheinen auf den ersten Blick so einfach. Doch die Realität ist meist anspruchsvoller und hat so ihre Tücken.

Online-Events brauchen eine optimale Bild- und Tonqualität und dafür muss die Technik mitspielen – an jeder Stelle. Besonders wichtig für remote Live Interpreting ist ein gutes Hörerlebnis für deine Dolmetscher und deine Teilnehmer.

#eventprofs Ton geht vor Bild. Vor allem bei Online-Events. Erst recht bei solchen mit live Übertragungen in andere Sprachen. Klick um zu Tweeten

Besonders gut sind Lösungen, die

  • aus einer Hand kommen (statt einer Bastel-Lösung)
  • sowohl für den Teilnehmer als auch für den Dolmetscher eine einzige Oberfläche haben
  • eine App für den Audio-Kanal für die Teilnehmer anbieten
  • die Ton- und Videospur sauber übertragen.

Außerdem ist es vorteilhaft, wenn du auf deinem Online-Event jemanden hast, der das Gesamt-Event (die Technik) im Blick hat und Fragen der Teilnehmer im Chat auch für die Dolmetscher sichtbar machen sollte.

Wichtig und sehr hilfreich ist’s für den störfreien Ton, der bei den Dolmetschern ankommen muss, dass du alle Teilnehmer auf stumm schalten kannst. Selbst bei einer kleineren Teilnehmerzahl mit offenen Mikrofonen führt das zu einer enormen kognitiven Belastung deiner Dolmetscher. Und das wirkt sich auf die Qualität ihrer Sprache, ihres Tones und ihrer Wortwahl aus. Kaum jemand kann Begeisterung in der Stimme vermitteln, wenn er den anderen kaum versteht und das dann noch simultan in eine andere Sprache übertragen soll.

Übrigens: Die meisten Dolmetscher kennen mittlerweile viele Plattformen und Videokonferenz-Lösungen und können dich beraten, auf welcher es besonders gut klappt.

Tools für Videokonferenzen, Online-Meetings und Web-Seminare und Online-Events
Tools für Videokonferenzen, Online-Meetings und Web-Seminare und Online-Events

Woran erkenne ich gute Anbieter?

Ein guter Anbieter stellt dir zu deinem Event und zu den geplanten remote Live Interpreting Wünschen viele Fragen. 0815-Angebote sind oftmals nicht überzeugend und deshalb funktionieren die meisten Angebote, die du mit drei Klicks zusammenstellen kannst auch nicht.

Je komplexer es wird, desto mehr solltest du dich mit deinem Anbieter vorab austauschen. Ganz wichtig: Lass deine Dolmetscher oder das Dolmetscher-Team bloß nicht aus dem Home-Office arbeiten. Da lauern zu viel Ablenkung und zu viele Ausfallrisiken.

Bedenke stets: ⅞ der Leistung findet vor dem Event statt. Es ist wie bei deiner eigenen Eventplanung. Der Löwenanteil des Aufwandes steckt in der Planung und diese bestimmt den Erfolg des Live-Events. So ist’s auch mit den Dolmetschern. Am Tag selbst muss es sitzen. Es gibt keine zweite Chance und ihr könnt nichts mehr korrigieren. Natürlich sind Änderungen möglich, allerdings können die ganz schnell das komplette Team- oder Technik-Setup durcheinander bringen. Daher Vorsicht vor last-minute-Änderungen.

Worauf sollte ich bei der Wahl der Dolmetscher achten?

Gute Dolmetscher erkennst du an deren Mitgliedschaft im deutschen oder internationalen Verband der Konferenzdolmetscher:

  • VKD – Verband der Konferenzdolmetscher
  • AIIC – International Association of Conference Interpreters

Außerdem sind Empfehlungen von anderen Dolmetschern und Veranstaltern hilfreich sowie die Prüfung von Referenzen bei den vorherigen Auftraggebern.

Achtung! Für Dolmetscher gibt es keine Zertifizierung. Jeder kann sich Dolmetscher nennen. D.h. Plattformen, die mit “zertifizierten”, “akkreditierten” und “geprüften” Dolmetschern werben, meinen damit nicht die Qualität der Simultandolmetscher. Vermutlich wollen sie damit ausdrücken, dass die Leute mit ihrer Plattform umgehen können – mehr sagt so ein “Zertifikat” jedenfalls nicht aus. Solche Angaben sind also sehr mit Vorsicht zu genießen. Suche also besser gezielt nach Konferenzdolmetschern mit einem Hochschulabschluss.

Bedenke außerdem, dass Dolmetscher keine Übersetzer sind.

Dolmetscher: Live (simultan) das Gesagte in eine andere Sprache übertragen.
Übersetzer: Einen Text in beliebig langer Zeit in eine Sprache übertragen.

Deshalb ist es so super wichtig, dass der Ton bei deinem Event stimmt.

? Tipp: Plattformen, die damit werben “10.000 Dolmetscher mit 100 Sprachen in 20 Minuten” parat zu halten, können gar nicht so viele Dolmetscher ernsthaft prüfen. Du wirst bei einem Auftrag über solch einen Dienst nicht wissen, wen du da erhältst und die Kontaktdaten der Personen bekommst du auch nicht. Beauftrage einen Dolmetscher oder ein Team von Dolmetschern daher lieber direkt.

Wie finde ich Dolmetscher oder das passende Dolmetscher-Team?

Wende dich am besten an beratende Dolmetscher, die ihren Beruf und das Netzwerk kennen. Sie wissen, welche Dolmetscher wirklich gut sind und ob diese teamfähig sind.
Du findest sie, indem du googelst oder in den Verzeichnissen der bereits weiter oben genannten Verbände suchst.

Teamfähig? Ja, teamfähig! Die Zusammenarbeit beim remote Live Interpreting spielt sich hinter den Kulissen ab. Stimmt da die Teamarbeit nicht, führt das zu Stress. Jeder muss einfach ganz genau wissen, wann er wo sein muss und welche Arbeit er leistet und mit wem er sich abwechselt.

Lass das richtige Team von einem beratenden Dolmetscher zusammenstellen
Lass das richtige Team von einem beratenden Dolmetscher zusammenstellen

Wie lang sollte idealerweise der Vorlauf sein?

Natürlich kommt es sehr auf dein Vorhaben an. In der Regel solltest du sechs bis acht Wochen vorher einplanen. Mindestens jedoch vier Wochen Vorlaufzeit.

Diese Angaben gelten nur zu den regulären Zeiten. Zur Tagungs- und Messe-Saison, also normalerweise im Frühjahr und Herbst, kann der Vorlauf auch deutlich länger sein – z.B. ein Jahr Vorlauf bei wiederkehrenden Veranstaltungen. Einfach, weil die besten Dolmetscher und Dienstleister schon gebucht sind.

Übrigens gibt es auch bei Dolmetschern die Möglichkeit der Optionen. D.h. beide Seiten verpflichten sich noch zu nichts. Allerdings wird der (beratende) Dolmetscher schon einmal bei seinen Kollegen anfragen und Optionen setzen. Diese Optionen sind übrigens deutlich schneller gelockert als du es von Tagungshotels und Locations kennst. Halte sie also “nicht ewig hin”.

plane Vorlauf für remote Live Interpreting-ein
plane Vorlauf für remote Live Interpreting-ein

Sind remote Live Interpreting Services günstiger als Dolmetscher-Teams vor Ort?

Das ist ein Irrglaube. Während Online-Events je nach Anspruch schon einmal günstiger sein können als die Präsenzvariante, sind es die remote Dolmetscherservices meist nicht.

Denn obwohl Kosten für die Reise, die Unterbringung und die Verpflegung wegfallen, kommen Kosten auf der anderen Seite hinzu, und zwar für

  • die deutlich aufgestockte Technik,
  • eine ordentliche Bild- und Tonregie,
  • neue Konzepte,
  • deutlich größere Orgateams.

Die Technik fürs Dolmetschen ist bei Online-Events deutlich komplexer. Es gibt einfach wahnsinnig viele Schnittstellen bei dem remote Dolmetschen. Und du brauchst bei der Versorgung mit Bild und Ton stets ein Netz mit doppeltem Boden.

Außerdem steigen die Personalkosten, weil du mehr Dolmetscher brauchst. Diese wechseln sich auf Präsenzevents normalerweise alle 30 Minuten ab. Bei Online-Events findet der Wechsel alle 15 Minuten statt und es gibt deutlich mehr Pausen für die Dolmetscher. Warum? Weil Videokonferenzen ermüden; Stichwort: Zoom-Fatigue, und wegen der höheren kognitiven Belastung für die Dolmetscher.

Darüber hinaus werden Online-Events oftmals über mehrere Tage gestreckt. Auch das führt zu höheren Personalkosten.

Was brauchen Dolmetscher von mir als Eventveranstalter vorab?

Versorge deine Dolmetscher mit Informationen so gut wie du nur kannst. Dazu gehören folgende Unterlagen:

  • Programm
  • Regieplan
  • Ansprechpartner für die Gewerke
  • Präsentation oder Abstract des Speakers – wenn möglich

Außerdem solltest du bei Planänderungen unbedingt gleich Bescheid sagen, z.B. wenn eine Breakout-Session oder ein neuer Referent hinzu kommen. Der Informationsfluss ist enorm wichtig.

Sollten deine Sprecher ihre Präsentationen vorab nicht versenden wollen oder dürfen, kannst du auch Vertraulichkeitsvereinbarungen mit deinen Dolmetschern abschließen. So stellt ihr sicher, dass keine vertraulichen Informationen vor oder nach dem Event in falsche Hände geraten.

Ganz wichtig: Habe ein offenes Ohr für die Belange eines Dolmetschers. Sie werden dir viele Fragen stellen, damit sie gut arbeiten können. Und das wirkt sich dann positiv auf dein Event aus.

Welche Tücken lauern beim Remote Live Interpreting im Vergleich zum vor Ort Dolmetschen?

Neben den bekannten Tücken von Online-Events gibt’s natürlich auch einige Herausforderungen für die Zusammenarbeit mit Dolmetschern bzw. unter ihnen.

Setze daher unbedingt auf die üblichen Regeln wie:

  • Probedurchlauf – mindestens für einen Teil des Teams
  • Briefing der Dolmetscher zusammen mit den Referenten
  • Mindestbandbreite für die Referenten, Mikrofon-Disziplin, Headset, Kabelverbindung etc.

Sei dir bewusst: Wenn der Ton nicht stimmt, können sie ihre Arbeit nicht machen und das fängt nun einmal mit der Ausstattung der Referenten an.

?  Zu den Tipps fürs Referentenbriefing bei virtuellen Events

Die Tonqualität fängt beim Speaker an
Die Tonqualität fängt beim Speaker an

Die Teamarbeit unter ihnen kannst du deutlich verbessern, wenn sie alle an einem Ort arbeiten können. Das nimmt unheimlich viel Unsicherheit raus. Geh also in eine Location oder in dein Sendestudio und versammle dort – wenn möglich – die Techniker, die Dolmetscher und die Referenten.

Ein temporäres Hub mit physischen Kabinen macht’s sowohl leichter als auch risikoärmer. Stell dir nur einmal vor, eine deiner Keynotes wird nicht übertragen – weil der Dolmetscher keinen Originalton gehört hat. Wer haftet da? Der Dolmetscher? Der Plattform-Anbieter? Das Videokonferenz-Tool? Die Bauarbeiter, die vor dem Home-Office gerade ein Kabel durchtrennt haben?

Übrigens verbesserst du mit so einem Set-up auch die Sicherheit der übertragenen Daten. Denn ein Netz, bei dem alle an einem Ort sind, kannst du verschlüsseln. Das kann dir jeder gute Technikanbieter temporär bauen.

#eventprofs Gerade bei Simultanübersetzungen gilt: guter Ton rein, guter Ton raus Klick um zu Tweeten

Fazit

Nur wer für das passende Set-up und das richtige Dolmetscher-Team sorgt, kann Vorträge online simultan in andere Sprachen übertragen. Gute und motivierte Dolmetscher sorgen dafür, dass sowohl das Gesagte als auch Emotionen transportiert werden. Und genau das werden deine Teilnehmer spüren – oder besser gesagt: hören.

Karin Walker | Konferenzdolmetscherin und beratende Dolmetscherin
Karin Walker | Konferenzdolmetscherin und beratende Dolmetscherin

Interviewpartnerin

Karin Walker (VKD, AIIC) ist ausgebildete Konferenzdolmetscherin und Consultant Interpreter mit Sitz in Bonn. Seit über 20 Jahren ist sie für Auftraggeber:innen auf Bundesebene und in der Privatwirtschaft sowie für die Europäischen Institutionen tätig. Durch ihre Tätigkeit als Mitglied der AG RSI des deutschen Verbandes der Konferenzdolmetscher VKD sowie als Technikreferentin der Region Deutschland des internationalen Verbandes AIIC hat sie umfangreiche Kenntnis im Bereich Ferndolmetschen und Organisation von Dolmetschteams für dieses Format erworben.

? Webseite: www.konferenzdolmetscher-deutschland.de
? walker@konferenzdolmetscher-nrw.de
Twitter

 

wertvolle Ressourcen der Dolmetscher-Verbände zu Remote Interpreting:

beim VKD

beim AIIC

Remote Live Interpreting – So findest du Dolmetscher